Freitag, 21. Oktober 2011

Die Geschichte einer Familie



Wenn Vergangenheit Geschichte ist - Eine Familiengeschichte, eingebettet in die Geschehnisse des 20. Jahrhunderts

Die überarbeitete Fassung als e-book im neuen Gewand




Der Klappentext


Hanna Elisa fliegt gemeinsam mit ihrem Mann in den Mittleren Osten, um ihre Tochter und das neugeborene Enkelkind zu besuchen. Auf dem langen Flug führen die Gedanken sie in eine Zeit, die sie nur aus Erzählungen ihres Vaters und ihres Großvaters kennt, verfangen sich in den unruhigen Zeiten ihres eigenen Beginns.
Es begann alles auf einer Hochzeit, als die fröhliche Lilli dem Marinesoldaten Hardy begegnete, der einst ausgesandt wurde die Welt zu erobern. Der ehemalige U-Boot Funker Hardy, Sohn eines Bergarbeiters oft nur knapp dem Tod auf den Weltmeeren entronnen und Lilli, ein unbekümmertes rheinisches Mädchen, planten voller Zuversicht ihre gemeinsame Zukunft. Tatkraft und Ideenreichtum, Optimismus und Humor prägten ihre Taten, die sie auch die schwierigsten Zeiten überstehen lässt. Hanna Elisa erlebte zwei Welten. Da war Lillis Familie, angeführt von Jakob, dessen hohes Ansehen im Dorf ihn zum Berater der Unsicheren machte. Von ihm lernte Hanna Elisa schon früh, sich einzumischen und die streng katholische Großmutter, die dem Kind nicht erlaubte am Morgen vor dem Beten zu singen. Im Ruhrgebiet lebten Hardys Eltern, unpolitisch und nicht nur zu Jakobs Entsetzen waren sie einst Befürworter Hitlers Politik. Erst als die Auswirkung des Krieges auch ihre Familie erreichte entstanden Zweifel.  Hier erlebte Hanna Elisa Urlaubstage ohne Fesseln, Zusammentreffen der Nachbarschaft auf der Bank unter dem Fliederbaum, gemeinsames Musizieren, Toleranz  -  aber auch das Auseinandergehen der langjährigen Gemeinschaften, als der Fernseher seinen Siegeszug antrat.




Leseprobe

Frühling 1997

An manchen Tagen zweifelt Hanna Elisa, ob es ratsam ist in den alten Fotos zu kramen. Oft schmerzte es, die so weit von ihr entfernt lebenden, so nah zu sehen. Das aufgeschlagene Fotoalbum liegt vor ihr auf der Erde und versonnen betrachtet sie die Bilder des Sommers vor einem Jahr und denkt daran, wie sie ihrem Enkel die Bilder der eigenen Kindheit zeigte. Verwundert hatte er sie beim Anblick der Fotos angeschaut ungläubig gefragt,
„Das kleine lockige Mädchen bist du? Nein Oma, das ist nur der Beginn einer neuen Geschichte!“
„Nein, nein, mein Schatz, das ist die Wirklichkeit. Alle Menschen kommen klein zur Welt, werden Jahr für Jahr größer bis sie erwachsen sind und sie sind so unterschiedlich wie die Steine, die wir vor wenigen Tagen zusammen am Strand sammelten. Manche werden dick und klein, andere dünn und groß,  vielleicht auch groß und dick, und denke nur an den Blumenverkäufer in Avila, dann weißt du, kleine dünne Menschen gibt es auch. Einige Menschen sind fröhlich, andere ernst. Es gibt die lieben und die bösen, denen man am besten aus dem Weg geht und die herzensguten, von deren Seite niemand weichen will, weil sich jeder in ihrer Nähe so geborgen fühlt. Da sind noch die stillen Menschen und die, die ständig reden, obwohl sie nichts zu sagen haben und die ignoranten, die tollpatschigen und die geschickten. Nur eins trifft auf jeden Menschen zu, er ist einzigartig und auch dich Noah gibt es nur einmal auf der Erde“.
  Andächtig hörte der Kleine ihr zu, in jeder Hand ein kleines Auto, mit denen er über riesige Phantasiestraßen um sie herum fuhr, immer wieder einen Blick auf ihre Fotos werfend und sie blickte abwechselnd auf das spielende Kind und auf das Foto in ihrem Album.
  Sie sah sich auf der Wiese am Hang sitzen, kleine Blumen in der Hand, fühlte sich in den längst vergessen geglaubten Frühlingstag zurück versetzt. Fragte sich, was davon bin noch ich, -  beeinflussen Erinnerungen und Erfahrungen aus dieser Zeit, in der mir nur Liebe und Zuverlässigkeit begegnete, noch meine heutigen Handlungen?
Zur Zeit der Baumblüte, von der das Foto erzählte, war sie achtzehn Monate alt, einer rundlichen pausbäckigen Puppe ähnlich.  Wie anders sahen die Erwachsenen aus, eingefallene Wangen, schlotternde Anzüge und zu weite Kleider an ausgemergelten Körpern und selbst das glückliche Lachen über die wieder erlangte Freiheit, das Zusammentreffen der Familie an einem herrlichen Frühlingstag, verdrängte die Panik und die Angst über das in der Vergangenheit erlebte nicht aus ihren Augen. 
Der Zeit entsprechend war das Bild schwarzweiß. Verblüfft sah Noah sie an,
„Oma wo hast du die Farben verloren?“
„Nein mein Kind, ich habe sie nicht verloren, sie sind alle noch in meinem Kopf“.
  Unzählige Male besuchte sie bis in die ersten Jahre ihrer Ehe diese Wiese zur Zeit der Obstblüte und sie schilderte dem blonden Jungen an ihrer Seite die Farbenvielfalt, die das kleine Mädchen Jahr für Jahr verzauberte.  Die von ihrer Mutter bereits vor ihrer Geburt gestrickten, mit kleinen bunten Blumen bestickten weißen Wolljacke, den blauen weiten Rock, aus einer alten Marineuniform ihres Vaters genäht, Vorkriegsware, konnte sie sich mit den Geschichten ihrer Entstehung gut ins Gedächtnis rufen. Nachdem sie aus diesen Sachen heraus gewachsen war, wurden sie noch Jahre später von ihren Cousinen getragen. Sie liebte diese Wiese, und beim Blättern in den Fotos schien es ihr, der Duft der Frühlingstage hüllte sie immer noch ein, begleitete sie bis in die Gegenwart, um sie vor den unechten synthetischen Gerüchen einer egoistischen, verlogenen, doppelzüngigen, nur den lauten Äußerlichkeiten, Effekten und Schlagzeilen hinterher jagenden Meute zu schützen, und für einen kostbaren Augenblick verdrängte der zarte Frühlingsduft aus glücklichen Kindertagen die kalte übel riechende Aura der Menschen aus ihrer Nähe, die ohne Rücksicht auf das Erhaltenswerte nur an ihrem Profit interessiert waren, die Stunde für Stunde mehr Raum in der Gesellschaft einnahmen, das Tagesgeschäft bestimmten.
Sie liebte die Frühlingsblumen, die Kirschbäume, den kleinen Bach und das Gefühl der Freiheit, dass sie auch später bei der Erinnerung an diese Ausflüge stets empfand. Das Versprechen wieder kommen zu dürfen, wenn das erste Obst reif war, schenkte ihr Sicherheit und sie sah sich hinter den Erwachsenen den Berg hinauf hüpfen, die mit Leitern und Körben beladen auf dem schmalen steilen Patt liefen, erinnerte sich, wie sie sich wieder und wieder umschaute, ihren Großvater Jakob nachahmend, der oft stehen blieb, um zu verschnaufen und unentwegt feststellte, es gäbe keine schönere Aussicht auf der Welt, als von hier auf den Rhein zu schauen, auf das Siebengebirge mit dem Drachenfels.
„Nirgendwo auf der Welt ist die Landschaft so großartig, nirgendwo ist das Obst so saftig und süß, der Kohl so dick und fest, der Spargel so zart. Ein Segen ist es, dass wir all diese Köstlichkeiten ernten können“. Hanna Elisa glaubte ihm. Denn Jakob  gehörte zu den Erwachsenen, zu denen man als Kind absolutes Vertrauen haben konnte, der alle ihre Fragen beantwortete und der sie mit seinem Tod zum ersten Mal enttäuschte. Als Jakob starb, war Hanna Elisa vierzehn Jahre alt und bereits im Augenblick seines Todes spürte sie, dass er ihr fehlen würde, sein Verständnis, seine Geschichten und sein Weitblick, über den sie sich im nach hinein wunderte. Schließlich war er kaum aus seinem rheinischen Dorf heraus gekommen. Allerdings hatte er seit seinem vierzehnten Lebensjahr für die Reichsbahn, später Bundesbahn, gearbeitet, hatte in der Rotte angefangen und sich zum Stellwerksleiter hochgearbeitet, und wenn sie heute darüber nachdachte, über all die  Züge, denen er hinterher sehen durfte, mit ihnen seinen Gedanken freien Lauf lassen konnte, war sie  überzeugt, dass ihm diese Arbeit half über den dörflichen Rahmen, in dem er lebte und sich verwurzelt fühlte, hinaus zu denken.
Entschlossen schlug Hanna Elisa das Fotoalbum zu. Aber es gelang ihr nicht in die Gegenwart zurückzukehren. Versonnen blieb sie auf dem Teppich sitzen. Fünf Jahre war es her, dass ihre Tochter Laura das Elternhaus verlassen hatte, um ihren Lebensmittelpunkt in den Mittleren Osten zu verlegen und sieben Monate waren bereits vergangen, dass sie mit Simon und den Kindern durch Felder und Wiesen streiften und während sie auf ihren täglichen Spaziergängen Laura und dem Kind aus den längst vergangenen Tagen erzählte, die sie auch nur durch die unerschöpflichen Geschichten ihres Großvaters kennen gelernt hatte, glaubte sie Jakobs Nähe und seine beschützende Aura zu spüren. Ihr  Herz schlug höher, wenn sie daran dachte, dass Laura den alten Brauch  des Geschichtenerzählens in der Familie weiterführte. Als sie Sven nach Bahrain folgte, Verantwortung für Kinder, Haus und Garten übernahm und in der traditionellen Rolle der Frau lebte, erkannte sie, egal in welches Land der Erde, in welche Kultur, sie durch Svens Beruf noch verschlagen würde, nichts war wichtiger, als den Kindern ein zuverlässiger Ruhepunkt in einem unruhigen Leben zu sein. Diese Einstellung gab ihr die Geduld auf den Zeitpunkt zu warten, an dem die Kinder beginnen würden eigene Wege zu gehen und sie nutzte ihre Kreativität und ihre Talente im häuslichen Bereich, erfand nicht nur zu Noahs Vergnügen phantasievolle Geschichten und originelle Spiele. Nie gingen ihr die Einfälle aus, die alle zum Lachen brachten und vergessen ließen, das man den Pool, den Spielplatz und das Meer, die vor der Haustür lagen, an den unerträglichen Tagen der heißen trockenen Wüstenwinde, die aus Saudi Arabien kamen, nur vom Fenster aus betrachten konnte. In Lauras Obhut verwandelte sich der Tag in einen Traum für Zaubergestalten und alle die ihr zuhörten vergaßen mit Hilfe ihrer Worte Raum und Wirklichkeit und die gut funktionierende Klimaanlage ließ die Besucher die barbarische Hitze, die auch nachts nicht von der Insel wich, unwirklich erscheinen. Es war ihnen bereits entfallen, dass sie erst vor wenigen Stunden bei ihrer Ankunft darüber klagten, das die Hitze und die Luftfeuchtigkeit ihnen fast den Atem nahm. Und während sie am Fenster standen, über das Meer blickten und Lauras Geschichten lauschten, glaubten sie dem unermüdlichen Wind, der verführerisch mit leichtem Säuseln durch die mächtigen Kronen der Palmen wehte, dass er die ersehnte Abkühlung bringen würde. Wenn ein Besucher die Terrassentür öffnete, einen Schritt auf den Rasen trat, um die kühle frische Luft zu spüren, die er durch das Fenster wahrgenommen hatte und statt einmal tief durchzuatmen, erschrocken ins Haus zurück eilte, lachte Laura und während der Besucher seine Arme in dem Glauben betrachtete, entstellende Verbrennungen zu sehen, erzählte sie, dass sie im ersten Jahr ihres Hier seins  zu oft auf die Verführungskünste des Windes hereingefallen sei. Sie verschwieg, dass sie an manchen Tagen Tränen überströmt wieder ins Haus gerannt war, von Sehnsucht nach einem kühlen deutschen Sommer erfüllt. Und der Wind zog ohne Erbarmen weiter über die märchenhafte Insel. Statt Kühle zu bringen, trocknete er in kurzer Zeit die zarten Blüten der Bäume und Sträucher aus, raubte das letzte Tröpfchen Wasser, das sich in einer Baumrinde verborgen hielt und versteckte die Farben der Insel unter einem Schleier aus heißem Sand.








In den Trümmern von Remagen aufgewachsen habe ich mir seit  frühester Kindheit Gedanken zum Krieg gemacht, ob von Staatshäuptern oder Industriellen ausgehend, ob der Krieg sich gegen den Menschen richtet oder gegen die Natur. (die letztendlich immer beide betroffen sind) Die Entwicklung der Waffen spricht nicht von Intelligenz sondern von Verblendung und Selbstverliebtheit. 

Mein Fazit, kein Krieg ohne Religion, Gier, Dummheit, Kurzsichtigkeit, Überheblichkeit. Kein Krieg ohne die Denkweise der Krupps, Thyssen und Quandts.... Auf allen Kontinenten unserer Erde fehlt Geld für Bildung und Nahrung, aber nirgendwo für Waffen. Still und leise wurde während der letzten Fußballweltmeisterschaft die Luftwaffe der Bundeswehr für Milliarden aufgerüstet, vor wenigen Wochen wurden wieder Milliardenbeträge bewilligt. Sind wir bereit wieder zu töten? 
Leid über die Menschheit zu bringen?

Wo bleibt der Aufschrei des Volkes??

Und gleichzeitig wachsen in unserem reichen Land Kinder in Armut auf, hungern, Bildung bleibt ihnen versagt, kein Geld für Kita und Ganztagsschulen. (Ein gebildetes Volk ist nicht manipulierbar) Die unteren Einkommengruppen werden von unseren Machthabern immer höher belastet, läßt die Reichen noch reicher werden. 

Es ist Zeit aufzustehen, aber wer beginnt?




Mittwoch, 19. Oktober 2011

Montag, 18. Oktober 2010

Montag, 23. Februar 2009

Eine erfreuliche Nachricht, überbracht an einem regnerischen Tag - vorgestellt von Arischa

ergänzt am 2011_10_23

Jetzt wird das Buch überarbeitet und im November 2011 als ebook bei amazon.de erscheinen und sieht nun so aus



An einem regnerischen Tag, Renate kam gerade vom Einkauf zurück, erhielt sie von unserer netten Briefzustellerin einen Brief in die Hand gedrückt. Sie legte ihn auf den Einkaufskorb, schloss die Haustür auf und schnitt erwartungsvoll den Umschlag auf. Wer schreibt in dieser hektischen Zeit , in der Ära der Emails noch mit der Hand und mit königsblauer Tinte Briefe? Der Absender auf dem Kuvert war verwischt, die Tinte verlaufen und unterzeichnet war er nur mit dem Vornamen. Seit den Glückwünschen zu den Geburten ihrer Kinder hat sie nichts mehr so gerührt wie folgende Worte:

Vom Schneckentöter und anderem Wahnsinn – die Geschichte weckt soviel Emotionen.
Ich habe gelacht, geweint, nachgedacht, nachgespürt.
Soviel Mit-Leben, Mit-fühlen, Verständnis auch für unverständliche Situationen, Auf den Grund gehen, nicht nur Hinnehmen, sondern nach dem großen „Warum“ fragen.
Und nicht anklagen, vorwerfen sondern immer versuchen zu verstehen.
Soviel Liebe und Offenheit, Wärme und unsagbar viel Humor sprühen aus jeder Zeile.
Danke! Danke, dass ich daran teilhaben durfte.
Diese Geschichten haben auch bei mir einen Denkprozess in Gang gesetzt. Manche Dinge, Menschen, Geschehnisse konnte und wollte ich aus einem anderen Blickwinkel betrachten.
Und das ist das Schönste, was ein Buch bewirken kann.
Es hat mich tief gerührt, diese Geschichten lesen zu dürfen. Sie sind so echt, so nah. Jede Person eine ausgeprägte Persönlichkeit mit Ecken, Kanten, Brüchen.

Freitag, 20. Februar 2009

Renates alten Photos aus dem Album, Fotos von den Katzen und eine Leseprobe aus ihrem Roman

       Zeit für Gäste








Wir wären gerne dabei gewesen!
Hätten auch geplaudert, gesungen und uns zwischen die Gäste auf die Bank gelegt.








Zeit für Gäste und Sommerabende unter dem Fliederbaum


Leseprobe : Zeit für Gäste und Sommerabende unter dem Fliederbaum


Mai 1949


Im Frühjahr 1949, die Deutsche Mark hatte ihren Siegeszug begonnen, brannte Hardy trotz der Einwände seiner Kunden keinen Schnaps mehr. Normalität kehrte in den Alltag ein.
Hanna Elisa, inzwischen dreieinhalb Jahre alt, packte unter Lillis Aufsicht ein Körbchen mit ihren wenigen Habseligkeiten zusammen, um sie in ihr eigenes Haus mitzunehmen. Hardy und Lilli hatten ein Grundstück mit einem zerstörten Haus gekauft, vierzig Meter von ihrer Wohnung entfernt, die Trümmer weggeräumt und ein neues Häuschen gebaut. Die enge Bebauung der Gasse versperrte den Blick auf den Rhein, egal wie weit Lilli den Kopf aus dem vor kurzem noch ungedeckten Dach heraus hielt, sie sah kein Fitzelchen Wasser, aber sie ahnte die vielfältigen Geräusche des Flusses, die beim Vorwärtsgleiten der riesigen Lastkähne und Ausflugsdampfer entstanden, die ihre dicken Bäuche unter der Wasseroberfläche versteckt hielten und sie hörte das vertraute Pfeifen der Lokomotiven, die auf der nahen Bahnstrecke durch den Ort dampften. Lilli betrat mit Hanna Elisa an der Hand ihren Hof, ging die steile Außentreppe hoch und öffnete andächtig die provisorische Eingangstür im ersten Stock. Ein Paradies lag vor ihnen. Jedes kleinste Detail genießend besichtigten sie die beiden Schlafräume, den kleinen Flur, der vorläufig ihre Küche beherbergte und gingen zum Schluss in das Badezimmer. Lilli jubelte. Solch einen Luxus kannte sie nur aus den Spielfilmen.
Sorgfältig hatte Hardy alle Einzelheiten geplant, einen Waschtisch für zwei Personen eingebaut, hellgrüne Fliesen ausgesucht und von Lillis Traum, den dunkelroten mit dem Hinweis, viel zu viel Putzarbeit, abgeraten. Heißes Badewasser sprudelte zu jeder gewünschten Zeit aus dem Gasboiler in die Badewanne, es gab kein langes Anheizen mehr, kam Hardy schmutzig und verschwitzt von der Baustelle konnte er ohne vorherige Ankündigung in die Wanne steigen. Lilli, froh über die großen Fenster, die dem Licht die Möglichkeit gaben die schönen Räume im hellen Glanz erstrahlen zu lassen, sah alle ihre Wünsche erfüllt und willigte kommentarlos in Hardys Vorschlag ein, für die Toilette und den Duschraum im Erdgeschoss weiße Fliesen auszusuchen, obwohl sie die dunkelroten hochglänzenden Kacheln nicht vergessen konnte. Sie setzte sich auf eine alte Truhe, die Jakob von seinem Speicher geholt hatte und demnächst ihre Wäsche beherbergen sollte, nahm das Kind auf den Schoß und träumte vom zukünftigen Leben, sah sich die geräumige Küche im Erdgeschoss beziehen und Hardy das prächtige Büro einrichten. Soviel Platz für drei Personen - Vergangenheit, die Toilette für zwei Familien im Treppenhaus und das morgendliche Waschen am Küchenbecken. Da war es nicht weiter schlimm, dass der Ausbau des Wohnzimmers noch eine Weile warten musste. Im asphaltierten Hof vor dem Haus baute Hardy seine Werkstatt, nutzte im Augenblick den vorhanden Keller des abgerissenen alten Hauses. Ein Lehrling und ein Geselle arbeiteten schon mit ihm. Überwältigt vor Glück sah Lilli zum Nachbarhaus, das ebenfalls aus den Trümmern neu entstanden war und vor ein paar Tagen bezogen wurde. Lilli hörte von ihrer Vermieterin, vier Personen in dem schmalen Haus ohne Hof und Garten wohnten. Der Hausherr war erst vor wenigen Monaten aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt, halb verhungert und mit abgefrorenen Zehen. Als er nach Hause kam, lebte in seiner Wohnung eine verwitwete Cousine mit ihrer siebenjährigen Tochter und hielt ihm ein kleines Mädchen entgegen, seine Tochter. Die Mutter starb wenige Stunden nach ihrer Geburt. Schweigend nahm er die entzückende Kleine in den Arm, zählte die Jahre, in denen er nicht zu Hause war, erkannte an Inges Mienenspiel, dass sie auch gerechnet hatte und schwieg und schweigend erkannte er die kleine Frederike als seine Tochter an. Unter Inges Obhut erholte Hans sich überraschend schnell von den Strapazen der Gefangenschaft und als er wieder in der Lage war zu arbeiten, heirateten sie, kauften mit der finanziellen Unterstützung der Eltern seiner verstorbenen Frau das Trümmergrundstück und bauten ihr Haus.
Lilli lief den halben Vormittag mit Hanna Elisa die Gasse herauf und herunter, um ihr Hab und Gut in die eigenen vier Wände zubringen und als Hardy mit seinem Lehrling Rudi zur Mittagszeit nach Hause kam sah er erstaunt auf die fast leer geräumte Wohnung. Er nickte Rudi zu,
„Den Rest erledigen wir. Das ist Männersache“, und nach einer Stunde stand alles an Ort und Stelle und es sah so aus, wie Lilli es sich in ihren Träumen vorgestellt hatte.
Auf den zahlreichen Gängen von der alten Wohnung ins eigene Haus begegneten sie auch ihren neuen Nachbarn. Sie stellten sich vor, tauschten ein paar Nettigkeiten aus und beide Familien kehrten zufrieden an den eigenen Küchentisch zurück und bemerkten, „ So eine nette Familie!“ und schon bald erzählten sich die Frauen die Geschichte ihrer Vergangenheit unterdessen die Mädchen ihre Schätze auf den Boden schütteten und miteinander spielten. Die Männer unterstützten sich bei der Fertigstellung ihrer Häuser und Lilli sah wieder einmal Sophias Überzeugung bestätigt,
„Der Herrgott im Himmel hat einen Korb voll Glück über uns geschüttet.“
Am nächsten Tag kamen Sophia und Jakob, um das neue Heim ihrer Tochter zu begutachten. Jakob stellte eine Schüssel Erdbeeren auf den aus alten Brettern gezimmerten Tisch und Sophia holte aus ihrer Tasche eine mit Schlagsahne gefüllte Schale. Zufrieden sah Jakob sich um,
„Jetzt koche schnell Kaffee, Mädchen. Lass es uns gut gehen.“
Griesgrämig blickte Sophia auf ihre Tochter,
„Wäre es nicht früh genug gewesen, wenn ihr jetzt aus dem Elternhaus ausziehen würdet? Ihr hättet zwei Jahre die Miete gespart und könntet euch Möbel kaufen, brauchtet nicht am selbstgebauten Tisch zu sitzen“
„Mutter, die Zeit ist vorbei, es ist müßig darüber zu reden“,
Lilli verschwieg, das sie jede Stunde der vergangenen zwei Jahre, die Selbstständigkeit und die Freiheit genossen hatte und um ihre Mutter abzulenken begann sie von der Nachbarfamilie zu erzählen. Kritisch hörte Sophia ihrer Tochter zu. Sie hatte auch schon Neuigkeiten über die Familie Güttes vernommen. Inges Kind soll evangelisch sein und die kleine Frederike katholisch, in einer Familie darf doch nicht so ein Durcheinander herrschen.
„Dann pass mal gut auf, dass Hanna Elisa nicht mit der ungläubigen Mechthild spielt. Nicht das ihrer kleinen Seele Schaden zugefügt wird und sie am Ende an der allein selig machenden Religion zweifelt“.
Sophia, ohnehin schon misstrauisch, sah seit längerem weiteren moralischen Verfall auf ihre Familie zukommen und teilte Jakob unlängst ihre Bedenken mit, dass Lilli seit dem verlassen des Elternhauses nicht mehr regelmäßig die hl. Messe besucht. Das würde sie eines Tages bestimmt bereuen. Jakob versuchte seine Frau zu beruhigen, aber es gelang ihm nicht ihre Zweifel zu zerstreuen.
Hanna Elisa aß genussvoll die mit reichlich Zucker bestreuten, mit einem Sahnehäubchen verzierten Erdbeeren und hörte den Erwachsenen aufmerksam zu. Am Abend fragte sie ihren Vater, was es bedeutete evangelisch oder katholisch zu sein und Hardy antwortete, es gibt sehr viele verschiedene Arten mit Gott zu sprechen und jeder glaubt, er hätte die einzige glücklich machende Weise gefunden.
„Mit den Jahren werden dir noch Menschen mit anderen Religionen begegnen und jede hat ihren eigenen Namen. Kümmere dich nicht darum, spiele du mit allen Kindern“.
Hanna Elisa beherzigte Hardys Rat, spielte mit Frederike und Mechthild, die leider schon zur Schule ging und oft ihre eigenen Freundinnen mit nach Hause brachte. Frederike und Hanna wurden unzertrennliche Freundinnen, beschäftigten sich stundenlang in einer kleinen Ecke im Hof, die sie sich selber als Spielplatz ausgesucht hatten und wenn einmal ein Streit zwischen ihnen ausbrach kam Mechthild um die Ecke geschossen, nahm die kleinen Kampfhähne auseinander und sorgte dafür, dass sie sich wieder versöhnten. So muss das sein, stellten die Mütter einstimmig fest und lächelten die vernünftige Mechthild aufmunternd an,
„Weiter so, Kind“.
Die Arbeiten in den Räumen im Erdgeschoss standen kurz vor dem Abschluss. Zufrieden besah sich Hardy sein Werk. Lediglich das Treppenhaus fehlte noch, aus der Küche ins Bad und in die Schlafräume mussten sie momentan über die provisorische Außentreppe gehen. Aber dieser vorübergehende Zustand schmälerte nicht die Vorfreude auf die Gäste aus dem Kohlenpott, die sich für das Wochenende angesagt hatten.
Die Verwandten aus dem Ruhrgebiet wollten endlich auch das neue Zuhause von Hardy und Lilli kennen lernen. Vom lauten Knattern begleitet bogen Anna und Max mit ihrem Motorrad auf dem Hof ein, die Tore waren weit geöffnet und Hanna erkannte auf den ersten Blick, dass Tante Barbara und die dreijährige Cousine Susanne im Beiwagen saßen, sie sollte für lange Zeit Hanna Elisas innig geliebte Freundin sein.
Mai, kostbare Zeit! Moment der Obstbaumblüte und des unvergesslichen Blütenzaubers der Japanischen Kirschen, der Augenblick des Frühlings, der nicht verstreichen durfte ohne gemeinsam durch Wiesen und Wälder zu streifen. Die Gäste aus dem Kohlenpott waren begeistert. Alles war so schön. Es störte niemanden, dass es im Haus noch viel Arbeit gab. Die Lage war hervorragend. Obwohl der Rhein so nahe am Haus vorbeifloss bestand selbst bei höchstem Hochwasser keine Gefahr, dass er dem Haus einen Besuch abstatten und Schlamm und Modder hinterlassen würde und so konnten sie sich ohne Bedauern der Schönheit der Landschaft und dem Zauber des Flusses überlassen. Hardy hatte den Platz für sein Heim gut gewählt. Niemand erwartete, dass der Verkauf von Pflaster im kleinen Laden auf der anderen Straßenseite in nächster Zeit enorm ansteigen würde, weil Hanna Elisas Knie die Stürze in der steilen Gasse beim Roller fahren und Rollschuhe laufen nicht unversehrt überstehen würden. Die Narben der immer wieder aufgerissenen ungezählten Schürfwunden heilten erst ab, als sie durch den Umzug ins Ruhrgebiet den abschüssigen Gassen entkam. Während sie geduldig ihrer Pflaster klebenden Mutter zuhörte und immer wieder die selbe Enttäuschung aus Lillis Worten entnahm,
" Nie kann man dich schick machen. Benimm dich endlich einmal wie ein Mädchen!"
wuchs in ihr die Überzeugung, der Wert aller Dinge war nicht an Äußerlichkeiten zu messen. Was bedeuteten schon aufgeschlagene Knie? Es war ein riesiger Spaß, bergab Roller zu fahren, immer schneller, immer schneller, bis ihr der Wind die Haare aus dem Gesicht blies und sie sein Singen nicht nur hören sondern auch an den Ohren spüren konnte. Für dieses herrliche Gefühl nahm sie ohne lange nachzudenken die kleinen Kratzer und blutigen Knie in Kauf, auch wenn Lilli glaubte, ihre mit Liebe gestrickten Kleider kämen nicht ausreichend zur Geltung.
Wie jedes Jahr waren alle zusammen zu den blühenden Obstwiesen spaziert, Hardy hielt seinen Fotoapparat in der Hand. Ihren Augen bot sich der immer wieder kehrende und doch in jedem Frühjahr als neu und unübertrefflich empfundenen Anblick einer einzigartigen Herrlichkeit, die unbedingt für das Familienalbum festgehalten werden musste. Blaue Vergissmeinnicht säumten den schmalen Pfad, der sich den Berg hinauf schlängelte, begleitet vom mit Pfennigkraut gesäumten Bach, die gelben Schlüsselblumen nickten ihnen aus den kräftig grünen Wiesen entgegen. Bienen und Hummeln suchten summend einen Platz im Blütenmeer der Kirschbäume und auf jedem Ast saß ein Vogelpaar, dass sie mit fröhlichem Gezwitscher begrüßte.
„Hört den wunderschönen Gesang“,
die Männer nickten mit ihren Köpfen, und freuten sich, wenn sie daran dachten, wie viele schädliche Insekten die emsigen Sänger vertilgen würden. Den ganzen Weg bergauf unterhielten die Männer sich über den zu erwartenden Obstertrag. Würden die Bäume sich in diesem Jahr von der reichen Ernte der letzten Saison erholen und lediglich den Augen etwas bieten? Jakob mahnte zur Geduld,
„Darüber könnt ihr stundenlang debattieren, aber festzustellen ist das im Augenblick noch nicht!“
Schon sprach man über die Vergangenheit, wie schnell sich alles veränderte, die Zeit schon Geschichte, in denen die Männer des Dorfes das reife Obst nachts bewachten, weil hungernde Menschen aus den Städten kamen und das Obst und die Nüsse von den Bäumen stahlen. Ohne zu klagen liefen die beiden Mädchen den weiten Weg bergauf. Munter hüpften sie über das kleine Pättchen, liefen über die Wiesen, versteckten sich hinter Bäumen, hielten ihre kleinen Hände in das eiskalte Wasser des Baches.
"Die Kinder sind so lieb!"
Jakob versprach ihnen für den nächsten Tag mit dem Bötchen über den Rhein zu setzen. Seine Lieben sollten vom Fluss aus die Landschaft neu entdecken, das würden alle genießen, keineswegs nur die Gäste. Direkt bei den Kirschwiesen, nur noch ein kurzes Stück den steilen Trampelpfad hoch, hatte Jakobs Nichte Lucie ein kleines einfaches Café eröffnet.
"Mit Jakobs Hilfe"
begann Sophia die Vorgeschichte zu erzählen, aber Jakob verbot ihr verlegen das Wort.
„Das geht nur Lucie und mich etwas an“.
Als Lucies Eltern bei einem Bombenangriff auf Köln ums Leben kamen, stand sie mit achtzehn Jahren allein vor dem zerstörten Elternhaus und kämpfte gegen die Widerwärtigkeiten dieser Zeit. Im letzten Herbst kam sie zu ihm, weihte ihn in ihre Pläne ein und bat um seine Hilfe. Indem sie erzählte, sah Jakob schon das zukünftige Hotel auf dem Grundstück am Wald oben auf der Rheinhöhe entstehen. Jahrelang lag das Grundstück brach. Wer wollte schon mit dem Leiterwagen den beschwerlichen steilen Weg herauf ziehen und dem sandigen Boden in mühevoller Arbeit seine geringen Erträge abluchsen? Da streikte selbst der stärkste Mann. Aber als Ziel für einen Sonntagspaziergang gab es keinen Erfolg versprechenderen Platz. Jakob unterzeichnete die Bürgschaft nach langen Überlegungen. Dreitausend Deutsche Mark waren für ihn ein Vermögen. Sollte Lucies Geschäft scheitern, würde er sein Haus belasten oder eine Obstwiese verkaufen müssen.
An diesem wunderschönen Maitag, bei selbstgebackenem Kuchen und frisch gebrühtem Bohnenkaffee zweifelte niemand an Sophias Worten,
„Lucie hat die Tatkraft ihrer Uroma geerbt. Sie wird es schaffen ihre Pläne umzusetzen!“
und Jakob erhielt trotz aller Verschwiegenheit ein Lob der Anwesenden, dass er die fleißige, einfallsreiche Nichte mit seiner Vertrauen ausdrückenden Unterschrift unterstützt hatte. Auf dem Rückweg zitierte Lilli den guten alten Goethe,
"hier bin ich Mensch hier darf ich sein" .
und Jakob rief der weit auseinander gezogenen, den Berg herab stiefelnden, Gesellschaft zu,
„Als Goethe diese Worte schrieb, dachte er gewiß an diese, an Zauber nicht zu überbietende, einzigartige Landschaft, die hier vor euch liegt“.
In den Kindern weckte er den Sinn für die Schönheit der Natur, für kleine und große Dinge, die ihnen auf ihrem Weg begegneten, für die winzigen unter dem Laub des Vorjahres versteckten Blüten und die kräftigen dunklen Blätter der Herbstzeitlosen, die versprachen, ihre lila Kelche in noch fern liegenden Tagen ans Licht zu schicken. Er forderte sie auf an dem alten knorrigen Baum zu verweilen und einer Weinbergschnecke zusehen, die bedächtig über den bemoosten Stamm kroch und bat auf den gelben Löwenzahn zu achten, der schon bald eine fedrige filigrane Kugel auf seinem Blütenstängel bilden würde, die Kinder ermunternd, mit aller Kraft ihres Atems seinen Samen in sämtliche Himmelsrichtungen zu verteilen und spornte sie an, den im Wind davonfliegenden zarten Blütenblättern hinterher zu laufen, bis sie neugierig geworden durch das Plätschern des Baches sich in seinem Bett niederließen und während sie mit ihm unbekannten Abenteuern entgegen in den Rhein trieben, stimmten sie in seinen fröhlichen Gesang ein, den nur Kinder und Großväter hören konnten. Jakob nahm die Kinder an die Hand und zur Kette verbunden schritten sie weiter den Berg hinab, das Kleinste vorneweg.
Er hob einen Arm und zeigte auf das Siebengebirge,
„Da müsst ihr auch noch hin, in den Märchenwald und auf den Drachenfels“.
„Vielleicht reicht fürs erste auch der Rolandsbogen. Vom Blick auf die Inseln Grafenwert und Nonnenwert werdet ihr hingerissen sein“.
Auf Nonnenwert waren seine Töchter ins Lyzeum gegangen. Jakob hatte gespart, die ganze Familie schränkte sich ein, damit die Kinder eine gute Schulbildung bekamen. Jedoch Wilma wusste besseres mit ihrer Zeit anzustellen. Den halben Sommer verbrachte sie mit ihren Schulfreundinnen kanufahrend und schwimmend auf dem Rhein. Trotz aller Verbote zog sie sich an vorbeikommenden Lastkähnen hoch, fuhr mit ihnen ein Stück rheinauf, um rheinab zurück zu schwimmen. Ihre Freunde schlossen Wetten ab, wer es wagte zwischen den Schiffen her auf die andere Rheinseite zu schwimmen und sie gehörte regelmäßig zu den Wagemutigsten, gab niemals auf. Ihre Mitschülerinnen luden sie in den Ferien zu Segelpartien ein und im Winter zum Skifahren in ihre Ferienhäuser in den Bergen und Jakob war immer mit allem einverstanden.
Nachdenklich betrachtete Wilma Jakob.
„Mit Lilli hattest du nicht so viele Schwierigkeiten. Sie ist heute noch kein Draufgänger. Niemals wäre ihr in den Sinn gekommen auf die andere Rheinseite zu schwimmen oder Schulstunden zu schwänzen.“
Jakob lachte Wilma an. Diese Vorkommnisse hatte er ihr ...