Hanna Elisa fliegt gemeinsam mit ihrem Mann in den Mittleren Osten, um ihre Tochter und das neugeborene Enkelkind zu besuchen. Auf dem langen Flug führen die Gedanken sie in eine Zeit, die sie nur aus Erzählungen ihres Vaters und ihres Großvaters kennt, verfangen sich in den unruhigen Zeiten ihres eigenen Beginns.
Freitag, 20. Februar 2009
Zeit für Gäste und Sommerabende unter dem Fliederbaum
Leseprobe : Zeit für Gäste und Sommerabende unter dem Fliederbaum
Mai 1949
Im Frühjahr 1949, die Deutsche Mark hatte ihren Siegeszug begonnen, brannte Hardy trotz der Einwände seiner Kunden keinen Schnaps mehr. Normalität kehrte in den Alltag ein.
Hanna Elisa, inzwischen dreieinhalb Jahre alt, packte unter Lillis Aufsicht ein Körbchen mit ihren wenigen Habseligkeiten zusammen, um sie in ihr eigenes Haus mitzunehmen. Hardy und Lilli hatten ein Grundstück mit einem zerstörten Haus gekauft, vierzig Meter von ihrer Wohnung entfernt, die Trümmer weggeräumt und ein neues Häuschen gebaut. Die enge Bebauung der Gasse versperrte den Blick auf den Rhein, egal wie weit Lilli den Kopf aus dem vor kurzem noch ungedeckten Dach heraus hielt, sie sah kein Fitzelchen Wasser, aber sie ahnte die vielfältigen Geräusche des Flusses, die beim Vorwärtsgleiten der riesigen Lastkähne und Ausflugsdampfer entstanden, die ihre dicken Bäuche unter der Wasseroberfläche versteckt hielten und sie hörte das vertraute Pfeifen der Lokomotiven, die auf der nahen Bahnstrecke durch den Ort dampften. Lilli betrat mit Hanna Elisa an der Hand ihren Hof, ging die steile Außentreppe hoch und öffnete andächtig die provisorische Eingangstür im ersten Stock. Ein Paradies lag vor ihnen. Jedes kleinste Detail genießend besichtigten sie die beiden Schlafräume, den kleinen Flur, der vorläufig ihre Küche beherbergte und gingen zum Schluss in das Badezimmer. Lilli jubelte. Solch einen Luxus kannte sie nur aus den Spielfilmen.
Sorgfältig hatte Hardy alle Einzelheiten geplant, einen Waschtisch für zwei Personen eingebaut, hellgrüne Fliesen ausgesucht und von Lillis Traum, den dunkelroten mit dem Hinweis, viel zu viel Putzarbeit, abgeraten. Heißes Badewasser sprudelte zu jeder gewünschten Zeit aus dem Gasboiler in die Badewanne, es gab kein langes Anheizen mehr, kam Hardy schmutzig und verschwitzt von der Baustelle konnte er ohne vorherige Ankündigung in die Wanne steigen. Lilli, froh über die großen Fenster, die dem Licht die Möglichkeit gaben die schönen Räume im hellen Glanz erstrahlen zu lassen, sah alle ihre Wünsche erfüllt und willigte kommentarlos in Hardys Vorschlag ein, für die Toilette und den Duschraum im Erdgeschoss weiße Fliesen auszusuchen, obwohl sie die dunkelroten hochglänzenden Kacheln nicht vergessen konnte. Sie setzte sich auf eine alte Truhe, die Jakob von seinem Speicher geholt hatte und demnächst ihre Wäsche beherbergen sollte, nahm das Kind auf den Schoß und träumte vom zukünftigen Leben, sah sich die geräumige Küche im Erdgeschoss beziehen und Hardy das prächtige Büro einrichten. Soviel Platz für drei Personen - Vergangenheit, die Toilette für zwei Familien im Treppenhaus und das morgendliche Waschen am Küchenbecken. Da war es nicht weiter schlimm, dass der Ausbau des Wohnzimmers noch eine Weile warten musste. Im asphaltierten Hof vor dem Haus baute Hardy seine Werkstatt, nutzte im Augenblick den vorhanden Keller des abgerissenen alten Hauses. Ein Lehrling und ein Geselle arbeiteten schon mit ihm. Überwältigt vor Glück sah Lilli zum Nachbarhaus, das ebenfalls aus den Trümmern neu entstanden war und vor ein paar Tagen bezogen wurde. Lilli hörte von ihrer Vermieterin, vier Personen in dem schmalen Haus ohne Hof und Garten wohnten. Der Hausherr war erst vor wenigen Monaten aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt, halb verhungert und mit abgefrorenen Zehen. Als er nach Hause kam, lebte in seiner Wohnung eine verwitwete Cousine mit ihrer siebenjährigen Tochter und hielt ihm ein kleines Mädchen entgegen, seine Tochter. Die Mutter starb wenige Stunden nach ihrer Geburt. Schweigend nahm er die entzückende Kleine in den Arm, zählte die Jahre, in denen er nicht zu Hause war, erkannte an Inges Mienenspiel, dass sie auch gerechnet hatte und schwieg und schweigend erkannte er die kleine Frederike als seine Tochter an. Unter Inges Obhut erholte Hans sich überraschend schnell von den Strapazen der Gefangenschaft und als er wieder in der Lage war zu arbeiten, heirateten sie, kauften mit der finanziellen Unterstützung der Eltern seiner verstorbenen Frau das Trümmergrundstück und bauten ihr Haus.
Lilli lief den halben Vormittag mit Hanna Elisa die Gasse herauf und herunter, um ihr Hab und Gut in die eigenen vier Wände zubringen und als Hardy mit seinem Lehrling Rudi zur Mittagszeit nach Hause kam sah er erstaunt auf die fast leer geräumte Wohnung. Er nickte Rudi zu,
„Den Rest erledigen wir. Das ist Männersache“, und nach einer Stunde stand alles an Ort und Stelle und es sah so aus, wie Lilli es sich in ihren Träumen vorgestellt hatte.
Auf den zahlreichen Gängen von der alten Wohnung ins eigene Haus begegneten sie auch ihren neuen Nachbarn. Sie stellten sich vor, tauschten ein paar Nettigkeiten aus und beide Familien kehrten zufrieden an den eigenen Küchentisch zurück und bemerkten, „ So eine nette Familie!“ und schon bald erzählten sich die Frauen die Geschichte ihrer Vergangenheit unterdessen die Mädchen ihre Schätze auf den Boden schütteten und miteinander spielten. Die Männer unterstützten sich bei der Fertigstellung ihrer Häuser und Lilli sah wieder einmal Sophias Überzeugung bestätigt,
„Der Herrgott im Himmel hat einen Korb voll Glück über uns geschüttet.“
Am nächsten Tag kamen Sophia und Jakob, um das neue Heim ihrer Tochter zu begutachten. Jakob stellte eine Schüssel Erdbeeren auf den aus alten Brettern gezimmerten Tisch und Sophia holte aus ihrer Tasche eine mit Schlagsahne gefüllte Schale. Zufrieden sah Jakob sich um,
„Jetzt koche schnell Kaffee, Mädchen. Lass es uns gut gehen.“
Griesgrämig blickte Sophia auf ihre Tochter,
„Wäre es nicht früh genug gewesen, wenn ihr jetzt aus dem Elternhaus ausziehen würdet? Ihr hättet zwei Jahre die Miete gespart und könntet euch Möbel kaufen, brauchtet nicht am selbstgebauten Tisch zu sitzen“
„Mutter, die Zeit ist vorbei, es ist müßig darüber zu reden“,
Lilli verschwieg, das sie jede Stunde der vergangenen zwei Jahre, die Selbstständigkeit und die Freiheit genossen hatte und um ihre Mutter abzulenken begann sie von der Nachbarfamilie zu erzählen. Kritisch hörte Sophia ihrer Tochter zu. Sie hatte auch schon Neuigkeiten über die Familie Güttes vernommen. Inges Kind soll evangelisch sein und die kleine Frederike katholisch, in einer Familie darf doch nicht so ein Durcheinander herrschen.
„Dann pass mal gut auf, dass Hanna Elisa nicht mit der ungläubigen Mechthild spielt. Nicht das ihrer kleinen Seele Schaden zugefügt wird und sie am Ende an der allein selig machenden Religion zweifelt“.
Sophia, ohnehin schon misstrauisch, sah seit längerem weiteren moralischen Verfall auf ihre Familie zukommen und teilte Jakob unlängst ihre Bedenken mit, dass Lilli seit dem verlassen des Elternhauses nicht mehr regelmäßig die hl. Messe besucht. Das würde sie eines Tages bestimmt bereuen. Jakob versuchte seine Frau zu beruhigen, aber es gelang ihm nicht ihre Zweifel zu zerstreuen.
Hanna Elisa aß genussvoll die mit reichlich Zucker bestreuten, mit einem Sahnehäubchen verzierten Erdbeeren und hörte den Erwachsenen aufmerksam zu. Am Abend fragte sie ihren Vater, was es bedeutete evangelisch oder katholisch zu sein und Hardy antwortete, es gibt sehr viele verschiedene Arten mit Gott zu sprechen und jeder glaubt, er hätte die einzige glücklich machende Weise gefunden.
„Mit den Jahren werden dir noch Menschen mit anderen Religionen begegnen und jede hat ihren eigenen Namen. Kümmere dich nicht darum, spiele du mit allen Kindern“.
Hanna Elisa beherzigte Hardys Rat, spielte mit Frederike und Mechthild, die leider schon zur Schule ging und oft ihre eigenen Freundinnen mit nach Hause brachte. Frederike und Hanna wurden unzertrennliche Freundinnen, beschäftigten sich stundenlang in einer kleinen Ecke im Hof, die sie sich selber als Spielplatz ausgesucht hatten und wenn einmal ein Streit zwischen ihnen ausbrach kam Mechthild um die Ecke geschossen, nahm die kleinen Kampfhähne auseinander und sorgte dafür, dass sie sich wieder versöhnten. So muss das sein, stellten die Mütter einstimmig fest und lächelten die vernünftige Mechthild aufmunternd an,
„Weiter so, Kind“.
Die Arbeiten in den Räumen im Erdgeschoss standen kurz vor dem Abschluss. Zufrieden besah sich Hardy sein Werk. Lediglich das Treppenhaus fehlte noch, aus der Küche ins Bad und in die Schlafräume mussten sie momentan über die provisorische Außentreppe gehen. Aber dieser vorübergehende Zustand schmälerte nicht die Vorfreude auf die Gäste aus dem Kohlenpott, die sich für das Wochenende angesagt hatten.
Die Verwandten aus dem Ruhrgebiet wollten endlich auch das neue Zuhause von Hardy und Lilli kennen lernen. Vom lauten Knattern begleitet bogen Anna und Max mit ihrem Motorrad auf dem Hof ein, die Tore waren weit geöffnet und Hanna erkannte auf den ersten Blick, dass Tante Barbara und die dreijährige Cousine Susanne im Beiwagen saßen, sie sollte für lange Zeit Hanna Elisas innig geliebte Freundin sein.
Mai, kostbare Zeit! Moment der Obstbaumblüte und des unvergesslichen Blütenzaubers der Japanischen Kirschen, der Augenblick des Frühlings, der nicht verstreichen durfte ohne gemeinsam durch Wiesen und Wälder zu streifen. Die Gäste aus dem Kohlenpott waren begeistert. Alles war so schön. Es störte niemanden, dass es im Haus noch viel Arbeit gab. Die Lage war hervorragend. Obwohl der Rhein so nahe am Haus vorbeifloss bestand selbst bei höchstem Hochwasser keine Gefahr, dass er dem Haus einen Besuch abstatten und Schlamm und Modder hinterlassen würde und so konnten sie sich ohne Bedauern der Schönheit der Landschaft und dem Zauber des Flusses überlassen. Hardy hatte den Platz für sein Heim gut gewählt. Niemand erwartete, dass der Verkauf von Pflaster im kleinen Laden auf der anderen Straßenseite in nächster Zeit enorm ansteigen würde, weil Hanna Elisas Knie die Stürze in der steilen Gasse beim Roller fahren und Rollschuhe laufen nicht unversehrt überstehen würden. Die Narben der immer wieder aufgerissenen ungezählten Schürfwunden heilten erst ab, als sie durch den Umzug ins Ruhrgebiet den abschüssigen Gassen entkam. Während sie geduldig ihrer Pflaster klebenden Mutter zuhörte und immer wieder die selbe Enttäuschung aus Lillis Worten entnahm,
" Nie kann man dich schick machen. Benimm dich endlich einmal wie ein Mädchen!"
wuchs in ihr die Überzeugung, der Wert aller Dinge war nicht an Äußerlichkeiten zu messen. Was bedeuteten schon aufgeschlagene Knie? Es war ein riesiger Spaß, bergab Roller zu fahren, immer schneller, immer schneller, bis ihr der Wind die Haare aus dem Gesicht blies und sie sein Singen nicht nur hören sondern auch an den Ohren spüren konnte. Für dieses herrliche Gefühl nahm sie ohne lange nachzudenken die kleinen Kratzer und blutigen Knie in Kauf, auch wenn Lilli glaubte, ihre mit Liebe gestrickten Kleider kämen nicht ausreichend zur Geltung.
Wie jedes Jahr waren alle zusammen zu den blühenden Obstwiesen spaziert, Hardy hielt seinen Fotoapparat in der Hand. Ihren Augen bot sich der immer wieder kehrende und doch in jedem Frühjahr als neu und unübertrefflich empfundenen Anblick einer einzigartigen Herrlichkeit, die unbedingt für das Familienalbum festgehalten werden musste. Blaue Vergissmeinnicht säumten den schmalen Pfad, der sich den Berg hinauf schlängelte, begleitet vom mit Pfennigkraut gesäumten Bach, die gelben Schlüsselblumen nickten ihnen aus den kräftig grünen Wiesen entgegen. Bienen und Hummeln suchten summend einen Platz im Blütenmeer der Kirschbäume und auf jedem Ast saß ein Vogelpaar, dass sie mit fröhlichem Gezwitscher begrüßte.
„Hört den wunderschönen Gesang“,
die Männer nickten mit ihren Köpfen, und freuten sich, wenn sie daran dachten, wie viele schädliche Insekten die emsigen Sänger vertilgen würden. Den ganzen Weg bergauf unterhielten die Männer sich über den zu erwartenden Obstertrag. Würden die Bäume sich in diesem Jahr von der reichen Ernte der letzten Saison erholen und lediglich den Augen etwas bieten? Jakob mahnte zur Geduld,
„Darüber könnt ihr stundenlang debattieren, aber festzustellen ist das im Augenblick noch nicht!“
Schon sprach man über die Vergangenheit, wie schnell sich alles veränderte, die Zeit schon Geschichte, in denen die Männer des Dorfes das reife Obst nachts bewachten, weil hungernde Menschen aus den Städten kamen und das Obst und die Nüsse von den Bäumen stahlen. Ohne zu klagen liefen die beiden Mädchen den weiten Weg bergauf. Munter hüpften sie über das kleine Pättchen, liefen über die Wiesen, versteckten sich hinter Bäumen, hielten ihre kleinen Hände in das eiskalte Wasser des Baches.
"Die Kinder sind so lieb!"
Jakob versprach ihnen für den nächsten Tag mit dem Bötchen über den Rhein zu setzen. Seine Lieben sollten vom Fluss aus die Landschaft neu entdecken, das würden alle genießen, keineswegs nur die Gäste. Direkt bei den Kirschwiesen, nur noch ein kurzes Stück den steilen Trampelpfad hoch, hatte Jakobs Nichte Lucie ein kleines einfaches Café eröffnet.
"Mit Jakobs Hilfe"
begann Sophia die Vorgeschichte zu erzählen, aber Jakob verbot ihr verlegen das Wort.
„Das geht nur Lucie und mich etwas an“.
Als Lucies Eltern bei einem Bombenangriff auf Köln ums Leben kamen, stand sie mit achtzehn Jahren allein vor dem zerstörten Elternhaus und kämpfte gegen die Widerwärtigkeiten dieser Zeit. Im letzten Herbst kam sie zu ihm, weihte ihn in ihre Pläne ein und bat um seine Hilfe. Indem sie erzählte, sah Jakob schon das zukünftige Hotel auf dem Grundstück am Wald oben auf der Rheinhöhe entstehen. Jahrelang lag das Grundstück brach. Wer wollte schon mit dem Leiterwagen den beschwerlichen steilen Weg herauf ziehen und dem sandigen Boden in mühevoller Arbeit seine geringen Erträge abluchsen? Da streikte selbst der stärkste Mann. Aber als Ziel für einen Sonntagspaziergang gab es keinen Erfolg versprechenderen Platz. Jakob unterzeichnete die Bürgschaft nach langen Überlegungen. Dreitausend Deutsche Mark waren für ihn ein Vermögen. Sollte Lucies Geschäft scheitern, würde er sein Haus belasten oder eine Obstwiese verkaufen müssen.
An diesem wunderschönen Maitag, bei selbstgebackenem Kuchen und frisch gebrühtem Bohnenkaffee zweifelte niemand an Sophias Worten,
„Lucie hat die Tatkraft ihrer Uroma geerbt. Sie wird es schaffen ihre Pläne umzusetzen!“
und Jakob erhielt trotz aller Verschwiegenheit ein Lob der Anwesenden, dass er die fleißige, einfallsreiche Nichte mit seiner Vertrauen ausdrückenden Unterschrift unterstützt hatte. Auf dem Rückweg zitierte Lilli den guten alten Goethe,
"hier bin ich Mensch hier darf ich sein" .
und Jakob rief der weit auseinander gezogenen, den Berg herab stiefelnden, Gesellschaft zu,
„Als Goethe diese Worte schrieb, dachte er gewiß an diese, an Zauber nicht zu überbietende, einzigartige Landschaft, die hier vor euch liegt“.
In den Kindern weckte er den Sinn für die Schönheit der Natur, für kleine und große Dinge, die ihnen auf ihrem Weg begegneten, für die winzigen unter dem Laub des Vorjahres versteckten Blüten und die kräftigen dunklen Blätter der Herbstzeitlosen, die versprachen, ihre lila Kelche in noch fern liegenden Tagen ans Licht zu schicken. Er forderte sie auf an dem alten knorrigen Baum zu verweilen und einer Weinbergschnecke zusehen, die bedächtig über den bemoosten Stamm kroch und bat auf den gelben Löwenzahn zu achten, der schon bald eine fedrige filigrane Kugel auf seinem Blütenstängel bilden würde, die Kinder ermunternd, mit aller Kraft ihres Atems seinen Samen in sämtliche Himmelsrichtungen zu verteilen und spornte sie an, den im Wind davonfliegenden zarten Blütenblättern hinterher zu laufen, bis sie neugierig geworden durch das Plätschern des Baches sich in seinem Bett niederließen und während sie mit ihm unbekannten Abenteuern entgegen in den Rhein trieben, stimmten sie in seinen fröhlichen Gesang ein, den nur Kinder und Großväter hören konnten. Jakob nahm die Kinder an die Hand und zur Kette verbunden schritten sie weiter den Berg hinab, das Kleinste vorneweg.
Er hob einen Arm und zeigte auf das Siebengebirge,
„Da müsst ihr auch noch hin, in den Märchenwald und auf den Drachenfels“.
„Vielleicht reicht fürs erste auch der Rolandsbogen. Vom Blick auf die Inseln Grafenwert und Nonnenwert werdet ihr hingerissen sein“.
Auf Nonnenwert waren seine Töchter ins Lyzeum gegangen. Jakob hatte gespart, die ganze Familie schränkte sich ein, damit die Kinder eine gute Schulbildung bekamen. Jedoch Wilma wusste besseres mit ihrer Zeit anzustellen. Den halben Sommer verbrachte sie mit ihren Schulfreundinnen kanufahrend und schwimmend auf dem Rhein. Trotz aller Verbote zog sie sich an vorbeikommenden Lastkähnen hoch, fuhr mit ihnen ein Stück rheinauf, um rheinab zurück zu schwimmen. Ihre Freunde schlossen Wetten ab, wer es wagte zwischen den Schiffen her auf die andere Rheinseite zu schwimmen und sie gehörte regelmäßig zu den Wagemutigsten, gab niemals auf. Ihre Mitschülerinnen luden sie in den Ferien zu Segelpartien ein und im Winter zum Skifahren in ihre Ferienhäuser in den Bergen und Jakob war immer mit allem einverstanden.
Nachdenklich betrachtete Wilma Jakob.
„Mit Lilli hattest du nicht so viele Schwierigkeiten. Sie ist heute noch kein Draufgänger. Niemals wäre ihr in den Sinn gekommen auf die andere Rheinseite zu schwimmen oder Schulstunden zu schwänzen.“
Jakob lachte Wilma an. Diese Vorkommnisse hatte er ihr ...
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